Gibt es gute und schlechte Emotionen?

Erinnerst du dich daran, wann du zuletzt ein Baby oder ein kleines Kind beobachtet hast? Hast du mit ihm gespielt oder zugesehen, wie es sich amüsiert hat? Tauche gerne nochmal in diesen Moment ein.

An hohe Ansprüche oder große Inszenierungen musst du gar nicht zu denken, um ein Baby glücklich zu machen. Du erzielst schon einen riesigen Effekt damit, dich hinter deinen Händen zu verstecken und mit einem „Kuckuck“ wieder aufzutauchen.

Kinder lieben diese kleinen Spiele voller Überraschung und sie zeigen dir auch mit ihrem ganzen Körper, wenn sie entzückt und begeistert sind. Sie lachen aus tiefstem Herzen und wackeln dazu wild mit allen Gliedmaßen. Wenn sie dich lieben, rennen sie auf dich zu, umarmen dich mit all ihrer Kraft.

Das ist wunderbar, oder? Kinder drücken sich in ihren Emotionen vollkommen spielerisch aus und gehen mit dieser Einstellung in die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen.

Stell dir vor, du streckst deine Arme weit nach links und rechts aus, sodass du ein großes T formst. Am Ende deiner linken Seite situierst du nun Emotionen wie Hass und Wut, am Ende der rechten Seite Begeisterung und Liebe. Du hast nun zwischen deinen beiden Händen die ganze Bandbreite möglicher Emotionen.

Kleine Kinder und Babys leben diese Spanne in ihrem ganzen Spektrum und mit hundertprozentigem Einsatz aus. Wenn sie wütend oder traurig sind, dann machen sie sich mit gleicher Intensität bemerkbar wie in Momenten der Freude. Eine sehr ehrliche Art des Ausdrucks, oder? Sie halten sich nicht zurück, verbiegen und verstellen sich nicht.

Wir alle haben diese Leichtigkeit im Ausdruck gehabt. Doch je älter wir werden, so scheint es, desto mehr geht dieser Ausdruck verloren. Woher kommt das?

Die Situation macht die Emotion

Wenn ich Menschen frage, ob es gute und schlechte Emotionen gibt, dann lautet die Antwort oft: „Na klar, gibt es die! Liebe, Freude und Dankbarkeit zum Beispiel, das sind gute Emotionen. Da fühle ich mich richtig klasse. Schlechte Emotionen sind hingegen Trauer, Wut, Angst und Panik. Die braucht doch wirklich keiner!“

Erkennst du den Unterschied zu unserem kleinen Kind oder Baby? Vorbei sind die Zeiten des hemmungslosen Ausdrucks – hier kommt plötzlich eine Bewertung ins Spiel, die Trauer plötzlich zu einer schlechten Emotion macht.

Natürlich sind die meisten von uns lieber fröhlich als traurig. In der Lotterie gewinnen klingt doch viel besser, als eine gute Freundin zu verlieren. Doch ist Trauer deswegen eine schlechte Emotion? Wohl kaum! Was wir in dem Moment als schlecht empfinden, ist die Situation in unserem Leben, einen bedeutenden Menschen zu verlieren.

Die Emotion ist in diesem Moment nur eine Begleiterscheinung, die uns hilft, damit umzugehen. Trennen wir beides voneinander, dann können wir leicht erkennen, dass eine Emotion von sich aus weder gut noch schlecht, sondern immer eine persönliche Reaktion auf eine Situation ist. Und die Situation können wir nicht ändern. Die ist, wie sie ist. Doch Emotionen helfen uns dabei, das Erlebte zu verarbeiten.

Gesellschaftliche und kulturelle Normen

Noch eine zweite Komponente ist bei der Bewertung unserer Emotionen am Werk: unsere Erziehung. Wenn wir aufwachsen, lernen wir eine ganze Menge über unsere Welt. Darunter auch kulturelle Besonderheiten und Normen, die unser gesellschaftliches Zusammenleben und selbst unseren emotionalen Ausdruck prägen.

Viele dieser unterschwelligen Regeln kannst du aufspüren, indem du Redensarten und alltägliche Ausdrücke unter die Lupe nimmst:

„Männer kennen keinen Schmerz!“

„Warum bist du plötzlich so emotional?“

„Weichei! Heulsuse! Jammerlappen!“

In unserer Gesellschaft gibt es Richtlinien, welche Gefühle gut und erwünscht sind und welche wir lieber nicht ausdrücken sollten. Anhand der drei Beispiele oben entsteht schnell der Eindruck, Trauer und Tränen seien etwas Schlechtes. Dabei sind sie erneut nur eine natürliche Reaktion deines Wesens, um deinen Zustand zu regulieren und Erlebtes zu verarbeiten.

Eine Erklärung für diese Bewertungen findest du in den Idealen unserer Gesellschaft, denn diese fördert und belohnt Fleiß, Leistung und Stärke. Daran richtet sich auch aus, welche Emotionen wir für gut befinden und welche nicht. Was auf Anhieb nicht konstruktiv oder wirtschaftlich erscheint, straft unsere Gesellschaft schnell als vergeudete Zeit ab.

Das Spiel ist einfach: Wenn du immer lieb und freundlich bist, giltst du in der Regel auch als guter Mensch. Wenn du allerdings mal so richtig wütend oder gerührt bist und das auch rauslässt, heißt es schnell: „Du hast dich nicht im Griff!“ oder sogar: „Du hast dein Leben nicht im Griff!“

Sowohl bei den „guten“ wie bei den „schlechten“ Emotionen gilt: Bloß keine Schwäche zeigen! Und wenn du dich ausdrückst, dann bitte in Maßen! Überschwänglicher Ausdruck macht skeptisch und gilt als wenig konstruktiv.

Für diese emotionalen Normen zahlen wir leider mit der Zeit einen hohen Preis. Viele Menschen verlernen, ihre Emotionen wahrzunehmen und auszudrücken. Sie verschließen sich damit einer wichtigen Seite ihrer Persönlichkeit und vergeben die Chance, ihren Zustand zu regulieren.

Deine Emotion macht den Unterschied

Ich ermuntere dich ganz bewusst dazu, neuen Zugang zu deinen Emotionen zu finden. Denn ich bin überzeugt: Die Zeiten ändern sich gerade. Technik und Digitalisierung prägen einen großen Teil unseres Lebens, doch die Beziehung zwischen Menschen lassen sich nicht in Förmchen pressen.

Und gerade hier machen deinen Emotionen einen wahrhaften Unterschied. Mit deinem Ausdruck zeigst du dich nach außen und lässt andere auf intuitive Weise an dem teilhaben, was du erlebst.

Ja, du zeigst dich dadurch verletzbar und wirst gewiss auch den ein oder anderen skeptischen Blick ernten. Doch wir beide wissen, dass es ganz schön viel Mut braucht und damit ein Zeichen innerer Stärke ist, zu seinen Emotionen zu stehen und diese nach außen zu zeigen.

Ich freue mich, dich auf dieser Reise zu dir selbst zu begleiten, und bin gespannt, von deinen Erfahrungen zu hören. Danke fürs Lesen und für deine Zeit!

Deine Yvonne

P.S.: Am Montag, den 05.11.2018 erscheint mein Podcast Raus aus deinem Kopf. Ich freue mich auf dein Feedback dazu.

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